Source: http://www.heise.de/tp/deutsch/special/info/6449/1.html
(Der Kosovo-Krieg im Cyberspace. Cracker, Infowar und Medienkrieg, in: Telepolis,
19.7.1999; ebenfalls in: antimilitarismus information (ami), 29. Jg., Nr.
7, Juli 1999 (Themenheft zum Kosovo-Krieg), S. 82-91. Nachgedruckt unter
dem Titel "Die digitale Intervention" in Jungle World, 11.8.1999.)
Der
Kosovo-Krieg im Cyberspace
Ralf Bendrath
19.07.1999
Cracker, Infowar und Medienkrieg
Im Mai dieses Jahres schreckte das US-Nachrichtenmagazin Newsweek die Öffentlichkeit
mit einer nach Science-Fiction klingenden Meldung
[http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/2874/1.html] auf: Hacker des US-Geheimdienstes
CIA seien dabei, in die Computer ausländischer Banken einzubrechen und Milosevics
Konten zu löschen. Autorisiert sei dieser Plan von US-Präsident Bill Clinton
selber.1
Sind damit die in Schundromanen2
und Hollywoodproduktionen3
schon seit einigen Jahren verbreiteten Visionen vom virtuellen Krieg Wirklichkeit
geworden?
In der
Tat beschäftigen sich die US-Streitkräfte und Geheimdienste seit mehr
als zehn Jahren mit dieser Art der Kriegführung, und auch in anderen Ländern
werden Visionen vom Cyberkrieg entwickelt und futuristische Planungspapiere
geschrieben. Der stellvertretende US-Verteidigungsminister John
Hamre [http://www.infowar.com/mil_c4i/99/mil_c4i_042399a_j.shtml]
bezeichnete den Krieg gegen Jugoslawien bereits im April als den ersten
Cyberkrieg, den die USA führen.
Ein Blick hinter die Kulissen, soweit
er möglich ist, relativiert dieses Bild in mehreren Richtungen: Für den
Ausgang des Kosovo-Krieges waren die Cyberattacken relativ unbedeutend,
und auch die Kriege der Zukunft werden nicht unblutig im Internet stattfinden.
Neu ist allerdings, daß sich mit politisierten Hackergruppen bisher ungewohnte
Kriegsparteien auf dem virtuellen Schlachtfeld tummelten. Dies zeigt,
wie unkontrollierbar solche Pläne der staatlichen High-Tech-Eliten sind,
wenn sie in die Realität umgesetzt werden. Zum übergreifenden amerikanischen
Konzept des "Informationskrieges" gehört aber nicht nur die
Manipulation von Bankkonten, sondern vor allem der Medien. Dies ist das
eigentlich Entscheidende am Kosovo-Krieg: Wichtig ist nicht mehr der Sieg
auf dem Schlachtfeld, das es in diesem Luftkrieg ohnehin nicht gab, sondern
die Manipulation seiner medialen Repräsentation.
| Es
macht Spaß, zu sehen, wie High-Tech an der Front eingesetzt wird.
|
| Bill
Gates bei den US-Marines4
|
Kurz vor Ostern meldete die NATO
einen jugoslawischen Angriff aus dem Cyberspace. Die "Attacke",
die von einem Belgrader Computer ausging, war allerdings bei genauerem
Nachlesen lediglich eine Massensendung von tausenden Emails, die das elektronische
Postfach des Militärbündnisses für andere Besucher mehrere Tage lang unzugänglich
machte. Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Club ( CCC
[http://www.ccc.de], hält es sogar für wahrscheinlicher, daß die NATO
sich einen Computervirus wie "Melissa" eingefangen hat.5
Dieser Virus, der die Adreßverzeichnisse von Email-Programmen benutzt,
um sich selbsttätig zu verbreiten, hatte im März
[http://www.infowar.com/mil_c4i/99/mil_c4i_042399a_j.shtml] bereits im
Pentagon sein Unwesen getrieben.
Dennoch: Nach den veröffentlichten
Informationen wurden die internen Datennetze der westlichen Militärinstitutionen,
aber auch das öffentliche World Wide Web, von serbischer Seite ins virtuelle
Visier genommen. Nach einem Bericht
von US News [http://www.usnews.com/usnews/issue/990510/10info.htm]
existiert in Belgrad ein Netz von mehr als tausend StudentInnen und SchülerInnen
in sechs Computerzentren, die die kriegsbedingten Ferien nutzen, um im
Internet gegen die NATO aktiv zu werden. Der größte Teil ihrer Tätigkeit
besteht aus dem Füttern von Newsgroups und der Pflege ihrer umfangreichen
Webseite, aber der Mail-Müll könnte ebenso wie die Viren von hier gekommen
sein. Nach Informationen
von Infoworld.com [http://archive.infoworld.com/cgi-bin/displayStory.pl?99042.einato.htm]
wurden mindestens fünf neue Computerviren mit diesen Emails auf die NATO-Rechner
übertragen.
Bei einer anderen Art der Angriffe
auf die öffentlichen Server der NATO wurde die Internet-Funktion "Ping"
genutzt, mit der an einen Rechner ein kleines Datenpaket gesendet wird,
das dieser an den Absender zurückschickt. Ende
März [http://www.cnn.com/WORLD/europe/9903/31/nato.hack/] wurde die
NATO - wie bereits verschiedene andere Institutionen vor ihr - Opfer massenhafter
Ping-Anfragen, was dazu führte, daß die Rechner überlastet waren und die
Datenleitungen verstopften. Diese Angriffe kamen nach Aussagen
des Pentagon [http://www.infowar.com/mil_c4i/99/mil_c4i_042399a_j.shtml]
ebenfalls aus Serbien, aber nicht unbedingt von Rechnern der serbischen
Regierung. Genau wie die massenhafte elektronische Post nutzt diese Art
der Angriffe reguläre Funktionen aus, die bei entsprechend häufigen Aufrufen
den Rechner zu stark beschäftigen. Bekannt sind solche Angriffe als "Denial
of Service Attacks".
Über diese recht simple Art der
Störungen hinaus gehen die Angriffe auf diverse Webseiten. Hacker aus
Serbien sind in Webserver aus NATO-Staaten eingedrungen und haben die
dort abrufbaren Internet-Seiten verändert. Die serbische Hackergruppe
CHC etwa ersetzte Anfang April die Webseiten zweier US-Regierungseinrichtungen
sowie der britischen Stadt Croydon durch eine Anti-NATO-Seite, in der
diese als "National American Terrorist Organisation" bezeichnet
wurde.
Alle diese Angriffe richteten sich
gegen die öffentliche Darstellung der NATO oder von NATO-Staaten im World
Wide Web. Die Kriegführungsfähigkeit der Militärallianz war dabei nicht
gefährdet, denn die internen Kommunikatons- und Kommandonetze verlaufen
über ganz andere Kanäle. Die Kommunikation zur Leitung der Kriegseinsätze
ist nicht direkt über das Internet oder andere öffentliche Netze zugänglich,
und die Sicherheitsvorkehrungen sind hier weitaus größer als bei einem
Webserver oder Mailboxrechner. Zudem laufen auf den Militärcomputern teilweise
Programme und Betriebssysteme, die auf dem freien Markt nicht erhältlich
sind und bei denen es daher schwierig ist, sicherheitsrelevante Informationen
zu bekommen.
Einen Schritt weiter als die Web-Hacker
sind daher Versuche, in die Militärcomputer selber einzudringen. Auch
dies wurde im Kosovokrieg versucht. Einen ernsthafteren Schaden hat nach
Berichten der Belgrader Zeitung "Blic" ein Mitglied der serbischen
Hackergruppe "Schwarze Hand" angerichtet. Er soll Ende März
in einen Computer der Navy eingedrungen sein und alle Daten gelöscht haben.
Obwohl das US-Verteidigungsminsiterium diesen Vorfall nie bestätigte,
war der Rechner zeitweilig im Internet nicht erreichbar. Die gleiche Hackergruppe,
die angeblich in der Tradition einer gleichnamigen serbischen Terrororganisation
vom Anfang des Jahrhunderts steht, hatte bereits im Oktober 1998 die Webseite
des gemäßigten Albanerführers Ibrahim Rugova gehackt.
Internationale
Hacker-Brigaden gegen USA und NATO
Als Reaktion auf die Bombardierung
der chinesischen Botschaft in Belgrad durch die USA haben auch chinesische
Hacker [http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/2834/1.html] mehrfach
Webseiten amerikanischer Institutionen angegriffen. Mindestens zweimal
wurde das Internet-Angebot der amerikanischen Botschaft in Peking durch
den Text "Nieder mit den Barbaren!" ersetzt, ähnliches widerfuhr
den Seiten des Energieministeriums, auf denen plötzlich zum Protest gegen
die "amerikanischen Nazi-Methoden" aufgerufen wurde. Dort stand
auch zu lesen "Wir sind chinesische Hacker, die sich nicht um Politik
kümmern, aber wir dulden es nicht, wenn wir sehen müssen, daß chinesische
Journalisten getötet worden sind." Auf der Webseite des US-Innenministeriums
tauchten Anfang Mai Bilder
[http://www.spiegel.de/netzwelt/politik/0,1518,21796,00.html] von den
drei Zivilisten auf, die beim Angriff auf die chinesische Botschaft getötet
worden waren. Auch gegen die Internet-Darstellung des Weißen Hauses wurden
Angriffe unternommen, und die Seite war drei Tage lang nicht online. Obwohl
der Sprecher des Weißen Hauses dies mit "Denial of Service"-Angriffen
begründete, wurde die Nachricht von einem erfolgreichen Einbruch auf der
Seite in verschiedenen Hackerforen6
annonciert.
Auch die russische Ablehnung der
NATO-Angriffe wurde nicht nur vom Kreml auf dem diplomatischen Parkett
vertreten. Eine russische Hacker-Gruppe mit dem Namen From Russia With
Love hat eine NATO-Webseite mit dem Vermerk "Haut ab aus dem
Kosovo" versehen. Eine Koalition von vier russischen Hackergruppen7
mit dem Namen Russian Hackers Union soll eine Webseite
[http://freespeech.org/resistance/nmimc1/med_navy_mil.htm] der amerikanischen
Marine gelöscht haben. Die Seite einer amerikanischen Windsurfer-Zeitschrift
wurde von dem russischen Hacker SP durch einen Aufruf ersetzt,
den Krieg gegen Jugoslawien zu beenden. Ein Link verwies auf eine jugoslawische
Seite [http://www.alert.org.yu/stopnato.html], die zu einer Webkampagne
[http://://freespeech.org/resistance/windsurfer/ www_americanwindsurfer_com.html]
gegen die NATO-Angriffe aufrief. Nach Angaben des Hacker
News Network [http://www.hackernews.com/archive/crackarch.html] wurden
seit Kriegsbeginn bisher mindestens 14 militärische oder andere staatliche
Webseiten gehackt.
Von der anderen Seite der virtuellen
Front gab es verschiedene Angriffe gegen jugoslawische Computer, die ebenfalls
nicht staatlich kontrolliert wurden. Hacker aus den USA haben laut Informationen
des Boston Globe versucht, die Webseite der jugoslawischen Regierung
zu knacken, die als extrem sicher gilt. In der Kosovo Hackers Group haben
sich albanische und europäische Hacker zusammengeschlossen, um gegen die
serbische Regierung Cyberguerrilla zu spielen. Ihnen soll es gelungen
sein, fünf verschiedene Webseiten zu löschen und auf deren Adresse die
schwarz-rote Flagge "Freiheit für Kosovo" zu plazieren. Die
serbische Regierung gab zwischenzeitlich auf der Webseite ihrer virtuellen
Presseabteilung zu, daß sie technische Probleme hatte. Die Ursachen dafür
können aber auch ganz banal zerbombte Telefonleitungen oder Kraftwerke
gewesen sein. Die holländische Hackergruppe Dutchthreat hackte
sich in eine private serbische Webseite, auf der die NATO als "eine
Bande Nazis" bezeichnet worden war. Sie ersetzten die Anti-NATO-Seite
mit einer eigenen "Helft Kosovo"-Seite.8
In Mitleidenschaft gezogen wurden
auch Webseiten in unbeteiligten Staaten. So wurde u.a. die Internet-Präsenz
einer ägyptischen Regierungseinrichtung von der russischen Hackergruppe
KpZ durch ein Bild
[http://freespeech.org/resistance/kpz/nato.html] der MTV-Comicfiguren
Beavis & Butthead ersetzt, die zum "Stop der NATO-Morde"
aufrufen.9
Eine private Seite in Brasilien enthielt plötzlich einen Aufruf
[http://freespeech.org/resistance/genetic/berlin_genetic_com_br.html]
gegen Milosevic.
Politisierte
Computerfreaks als Cyberkrieger?
Während Hacker früher ihr Haupinteresse
im Aufdecken von Sicherheitslücken sahen, ist dies heute eher Mittel zum
Zweck geworden - und die Zwecke der Hacker werden immer politischer. Die
Politisierung des Hackens führt inzwischen, analog zur außerparlamentarischen
Tradition, auch zu Bündnissen, wie die Russian Hackers Union oder
die Kosovo Hackers Group zeigen. Diese neue Verbindung von Computerfreaks
und politischem Aktivismus wird mittlerweile als Hacktivismus
[http://www.hacktivism.org/] ( Hacktivismus:
Das Netz schlägt zurück [http://www.heise.de/tp/deutsch/special/info/2697/1.html])
bezeichnet. Die New Yorker Gruppe Electronic
Disturbance Theater [http://www.thing.net/~rdom/ecd/ ecd.html] (EDT)
hat bereits das Programm FloodNet
[http://www.thing.net/~rdom/ecd/ZapTact.html] für gemeinsame Webseiten-Besetzungen
von Internetsurfern aus aller Welt entwickelt ( Die
Herstellung eines World Wide Web des elektronischen zivilen Ungehorsams
[http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/1462/1.html]). Diese virtuelle
Form des Sit-in erzielt einen "Denial of Service", indem alle
an einer Aktion Beteiligten gleichzeitig eine Webseite besuchen, die von
FloodNet dann automatisch immer wieder aufgerufen wird. Im September
1998 kam es bereits zu einem virtuellen
Schlagabtausch [http://www.nwfusion.com/news/0111vigcyber.html] zwischen
dem EDT, das ein Cyber-Sit-In auf der Pentagon-Webseite angekündigt hatte,
und der Defense Information Systems Agency (DISA), die für die Sicherheit
der US-Militärcomputer verantwortlich ist und zurückschlug.
Im Dezember 1998 hatte die Hackergruppe
Legions of the
Underground [http://www.legions.org/] China und dem Irak den virtuellen
Krieg erklärt [http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/1737/1.html]
und dies mit den Menschenrechtsverletzungen begründet. Das selbsterklärte
Ziel war es, die Computersysteme in beiden Ländern vollständig zu zerstören.
Solche Aktionen sind in der Hackerszene sehr umstritten: Zum einen spiegelt
sich in der Parteinahme für oder gegen einen bestimmten Staat die politische
Heterogenität der Computerfreaks wider, zum anderen widersprechen virtuelle
Kriegserklärungen der klassischen gewaltfreien Hacker-Ethik. Die sieben
wichtigsten Hacker-Vereinigungen der Welt, darunter auch der deutsche
Chaos Computer Club
[http://www.ccc.de/] und die Gruppe Cult
of the Dead Cow [http://www.cultdeadcow.com/] verurteilten die Ankündigung
der Legions of the Underground in einer gemeinsamen
Erklärung [http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/1746/1.html] in
aller Schärfe. Bislang ist der dringend nötige Diskussionsprozeß in der
Hackerszene noch nicht sehr weit fortgeschritten, z.B. ist völlig unklar,
ob Taktiken wie das im Umfeld des Electronic Disturbance Theater
entwickelte Bottom Up Information Warfare oder der elektronische
zivile Ungehorsam [http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/1461/1.html]
als Guerillakampf oder gewaltfreier Widerstand bewertet werden sollen
bzw ob diese Begrifflichkeiten aus der physischen Welt im Cyberspace überhaupt
angemessen sind. Was auffällt ist aber, daß die Hacker seltener als früher
versuchen, in die Computersysteme einzubrechen, die für militärische Operationen
notwendig sind. Mit dem Hacken von Webseiten beeinflussen sie aber nur
die mediale Repräsentation des Krieges, nicht seinen Verlauf. Offenbar
glauben auch die Hacker, daß der computergestürzte Webdiskurs über den
Krieg immer wichtiger wird und die Bedeutung der realen Kriegführung abnimmt..
Bankraub
für den Frieden? Umstrittener Cyberkrieg der CIA
Ende Mai gelangte die Information
über angebliche Cyberangriffe
des CIA [http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/2874/1.html] auf
die internationalen Bankkonten des jugoslawischen Präsidenten Slobodan
Milosevic an die Öffentlichkeit. Milosevic soll nach Erkenntnissen der
Geheimdienste Millionenbeträge bei Banken unter anderem in Rußland, Griechenland
und Zypern deponiert haben. US-Präsident Bill Clinton hat laut Newsweek
den Hackern der CIA die Genehmigung erteilt, in die Computer dieser Banken
einzubrechen, um das Geld auf den privaten Auslandskonten des jugoslawischen
Präsidenten "zu verplempern", so ein US-Beamter.
Im Gegensatz zu den bisher genannten
Aktionen, die sich direkt gegen eine der Kriegsparteien richteten oder
lediglich einen Webserver manipulierten, sind in diesem Fall die Bankencomputer
von unbeteiligten Staaten unter Beschuß der USA geraten. Der NATO-Partner
Griechenland geriet damit unter virtuelles "friendly fire".
Das Weiße Haus weigerte sich, die Meldung zu kommentieren, und nicht einmal
die NATO-Verbündeten waren in die Pläne eingeweiht. Das Vorhaben war laut
Newsweek Teil eines umfassenderen Planes, der auf einem Vorschlag
des nationalen Sicherheitsberaters Sandy Berger beruhte. Da die US-Regierung
ebenso wie der Kongreß und die Öffentlichkeit vor einem Bodenkrieg zurückschreckte,
Milosevic aber mit Luftangriffen offenbar nicht beizukommen war, griff
der amerikanische Sicherheitsapparat auf ein Mittel zurück, das bereits
Tradition hat: Verdeckte Operationen. Neben eher traditionellen Methoden10
waren auch die Hackerangriffe der CIA in die Banken vorgesehen.
Der Realitätsgehalt dieser Geschichte
ist umstritten: Laut Aussagen des Chaos Computer Club ist es technisch
möglich, über das internationale Bankensystem Swift Überweisungen zu fälschen.
Geheimdienste wie die amerikanische National Security Agency (NSA) seien
dazu in der Lage. Einige US-Geheimdienstmitarbeiter, die von den Plänen
wußten, äußerten sich dagegen skeptisch über die Möglichkeit der geplanten
Cyberangriffe. Um in gut gesicherte Bankencomputer einzudringen, müßten
CIA-Agenten zunächst selber jede dieser Banken besuchen, ein eigenes Konto
einrichten und danach sorgfältig darüber Buch führen, wie die Institution
arbeitet. Erst wenn Schwachstellen in der Datensicherheit gefunden seien,
könne die NSA ihre Rechenzentren einsetzen, um die hochentwickelte Verschlüsselung
und die vorgeschalteten Schutzwechner ("Firewalls") zu überwinden.
Hintergund
und politische Folgen
CCC-Sprecher
Rieger [http://w3.zdf.msnbc.de/news/34907.asp] warnte davor, diese
Art der virtuellen Nebenschauplätze für eine ungefährliche Erweiterung
des Schlachtfeldes zu halten. Die USA, Deutschland und andere westliche
Staaten seien aufgrund ihrer fortgeschrittenen Digitalisierung und Vernetzung
weitaus verwundbarer gegenüber solchen Attacken als die Transformationsländer
in Osteuropa. "Die Eskalationsmechanismen sind kaum beherrschbar."
Mitglieder der Geheimdienstausschüsse
von Kongreß und Repräsentantenhaus in den USA, die von Sicherheitsberater
Berger Mitte Mai in einer geheimen Sitzung über die virtuellen Banküberfälle
der CIA gegen Milosevic informiert worden waren, äußerten sich ebenfalls
besorgt. Eine solche Aktion gegen ausländische Banken würde nicht nur
gegen mehrere internationale Verträge verstoßen und NATO-Mitglieder wie
Griechenland gegen die USA aufbringen, es könne auch die führende Rolle
der USA im weltweiten Bankgeschäft untergraben. Außerdem sei dieser Bruch
der Souveränität sogar von verbündeten Staaten ein gefährlicher Präzedenzfall
und lade zur Nachahmung, also zu Angriffen auf US-Banken, geradezu ein.
Die USA würden einen serbischen Hacker, der ähnliches an einer New Yorker
Bank versucht, im übrigen als "Cyberterroristen" bezeichnen.
Eine mögliche Eskalation von Cyberangriffen und -gegenangriffen kann sich
unter Umständen zu einer ernsten Bedrohung der USA entwickeln.
Ein von Hackern veranstalteter elektronischer
Börsencrash ist seit einigen Jahren der Alptraum der amerikanischen Sicherheitspolitiker,
der von den Behörden kräftig genährt wird.11
Allein in der US-Exekutive beschäftigen sich mehr als 15 Ministerien und
Behörden konzeptionell und operativ mit Fragen der Computerkriegführung
[http://www.pccip.gov/eo13010.html] oder Computersicherheit, neben dem
Verteidigungsminsterium, der CIA und dem FBI unter anderem auch die Ministerien
für Energie, Justiz, Wirtschaft, Finanzen oder Transport sowie verschiedene
Abteilungen des Weißen Hauses. Zur Abwehr der neuen Verwundbarkeiten der
Informationsgesellschaft wurde erst im vergangenen Jahr mit der Präsidenten-Direktive
63 das National
Infrastructure Protection Center [http://www.fbi.gov/nipc/index.htm]
(NIPC) eingerichtet, das zur Bundespolizei FBI gehört, aber auch dem Pentagon
unterstellt werden kann. Die Zuständigkeiten
[http://www.whitehouse.gov/WH/EOP/NSC/html/NSCDoc3.html] sind bisher nur
ansatzweise geklärt. Abgeordnete des US-Kongresses warnten bereits davor,
daß die Hacker der verschiedenen staatlichen Stellen sich bei ihren Aktivitäten
gegenseitig im Weg stehen könnten.12
Während an der elektronischen Verteidigung gegen Hackerangriffe bereits
überall in den USA gearbeitet wird, gibt es für die Entwicklung offensiver
Computerkriegsfähigkeiten, also Hackerprogramme, ferngesteuerte Computerviren
und ähnliches, bisher keine Grundsatzentscheidung des Präsidenten.13
Die öffentliche Debatte der Angriffe auf NATO-Computer kam dem Geheimdienst
offenbar gerade recht. Mit den virtuellen Bankeinbrüchen der CIA ist jetzt
ein Präzedenzfall geschaffen, der auch nach außen hin, also gegenüber
Kongreß und Bevölkerung, einen offensiven Cyberkrieg legitimiert ( Von
der Inszenierung des Infowar [http://www.heise.de/tp/deutsch/special/info/6305/1.html]).
Im Hintergrund arbeiten bereits
seit den achtziger Jahren verschiedene staatliche Stellen in den USA an
der Erforschung dieser Methoden. Mitarbeiter von CIA und NSA verzeichneten
nach eigenen Angaben "beachtliche Erfolge dabei (...), geheime militärische
Computersysteme in der Sowjetunion und anderen Ländern zu penetrieren"14
. Auch die Streitkräfte beteiligen sich seit Ende der achziger Jahre an
der Erforschung und Entwicklung von Computerviren, die auch als "nicht-tödliche
Waffen" bezeichnet werden. Die staatlichen "Informationskrieger"
beziehen dabei einen großen Teil der offensiv verwendbaren Software aus
Hackerkreisen.15
Seit 1994 existiert bereits eine
School for Information Warfare and Strategy an der National Defense University
in Washington D.C., in der Offiziere der Streitkräfte für Informations-
und Cyberkriege ausgebildet werden. Bereits 1995 war "Information
Warfare" das Leitbild für alle Forschungs- und Entwicklungspläne
der US-Streitkräfte16
, und 1996 wurde es in das zentrale Planungspapier der Vereinigten Stabschefs
(die Joint
Vision 2010 [http://www.dtic.mil/ doctrine/jv2010/jv2010.pdf]) aufgenommen.
Die US Army hat ihre Doktrin für Informationskriege bereits 1996 mit dem
neuen Field Manual 100-6, Information
Operations [http://www.fas.org/irp/doddir/army/fm100-6], formuliert.
Die Befehlshaber der Regionalkommandos wurden mittlerweile aufgefordert,
ihre Einsatzpläne daraufhin zu überprüfen, inwieweit diese Techniken konventionelle
Waffen ersetzen können. Alle diese Vorhaben zur offensiven Informationskriegführung
unterliegen höchster Geheimhaltung und wurden bisher im Kongreß nicht
öffentlich diskutiert.17 Angehörigen der Streitkräfte ist es verboten, den
Begriff "offensive computer operations" in öffentlichen Debatten
zu verwenden.18
Informationskrieg
ist mehr als Cyberkrieg
Den Krieg um das Kosovo hat die
NATO vor allem mit der Zerstörung der jugoslawischen Kommandostrukturen
durch rohe Gewalt gewonnen, indem sie gezielt die Kommando- und Kommunikationseinrichtungen
der jugoslawischen Streitkräfte bombardiert hat.19
Diese Spielart des Informationskrieges, die in den USA Command and
Control War (C2-War) genannt wird, macht die gegnerischen Truppen
führungslos und schneidet sie von Aufklärungs- und anderen Daten ab.20
Blind und auf sich selbst gestellt ziehen sie sich in der Regel zurück
oder ergeben sich ohne größeren Widerstand, so zumindest die Erfahrung
aus dem Golfkrieg 1991. Die von den Einheiten für psychologische Kriegführung
(PsyOps) massenhaft verteilten Handzettel "Sie sind ein NATO-Ziel"
haben ihr übriges dazugetan. Die paar Millionen Dollar dagegen, um die
der jugoslawische Präsident durch die CIA-Hacker unter Umständen erleichtert
worden wäre, sind dagegen psychologisch wichtig, aber nicht kriegsentscheidend.
Zu einem Informationskrieg gehört im amerikanischen Verständnis nämlich
weit mehr als nur das Eindringen in gegnerische Computernetze.
Laut dem offiziellen Wörterbuch
des Pentagon umfaßt Informationskrieg
[http://www.dtic.mil/doctrine/jel/doddict/data/i/02944] "Aktionen,
die unternommen werden, um die Informationsüberlegenheit zu erlangen,
indem die Informationen, informationsbasierten Prozesse, Informationssysteme
und computerbasierten Netze beeinträchtigt werden, während die eigenen
Informationen, informationsbasierten Prozesse, Informationssysteme und
computerbasierten Netze ausgenutzt und verteidigt werden". Demnach
wird die gesamte "Informationsumgebung" nun zentral für
die militärischen Planungen. Es gilt also, nicht nur die Computernetze
des Gegners lahmzulegen, sondern auch seine Sensoren zu täuschen, die
Bevölkerung zu beeinflussen und an der Heimatfront für die richtigen Kriegsbilder
zu sorgen. Das Ziel ist die Kontrolle der globalen Informationssphäre
und aller ihrer Teilbereiche im Umfeld eines Krieges. Die Ausweitung des
Krieges auf den Cyberspace ist nur ein Bereich von den vielen Informationsarenen,
die durch Informationsoperationen auf neue Art ins Interesse der Militärs
rücken.
Neben diesen neuen, von den Medien
begierig aufgenommenen virtuellen Aufgaben werden auch so alte Techniken
wie die Bombardierung gegnerischer Kommandostrukturen oder die psychologische
Kriegführung unter dem Oberbegriff "Informationsoperationen"
zusammengefaßt. Besonders die mediale
Repräsentation des Krieges im Fernsehen [http://www.fas.org/irp/doddir/army/fm100-6]
wird als zentral angesehen. Der damalige Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs,
General Colin Powell, brachte dies zur Zeit des Golfkrieges 1991 bereits
auf den Punkt: "Wenn alle Truppen in Bewegung sind und die Kommandeure
an alles gedacht haben, richte deine Aufmerksamkeit auf das Fernsehen,
denn du kannst die Schlacht gewinnen oder den Krieg verlieren, wenn du
mit der Story nicht richtig umgehst".21
In diesem erweiterten Verständnis
des Informationskrieges reicht auch eine entsprechend glaubwürdig durchgesickerte
Meldung über Computerattacken, wenn dadurch der Gegner unter Druck gesetzt
werden kann. Die Banken-Geschichte könnte daher auch eine gezielte Falschmeldung
gewesen sein. Nach der Doktrin der Informationsoperationen ist es aber
vor allem für die NATO eminent wichtig, sich öffentlich als unangreifbar
darzustellen. Insofern haben die Hacker-Angriffe zwar keinen militärischen,
aber einen massiven Image-Schaden bei der NATO hinterlassen. NATO-Sprecher
Jamie Shea mußte Ende Mai zugeben, daß die aufwendig gemachte NATO-Webseite
zeitweise nur sporadisch erreichbar war - eine peinliche Situation für
ein Militärbündnis, das gerade dabei ist, die Überlegenheit seiner High-Tech-Streitkräfte
vorzuführen.
Literaturangaben
1)
Gregory L. Vistica: "Cyberwar and Sabotage" in: Newsweek, 31.5.1999,
S. 22
2)
Zum Beispiel Tom Clancy / Steve R. Pieczenik: Netforce, Berkley Publishing
Group, 1999
3)
Zum Beispiel James Bond: Goldeneye
4)
FR, 18.11.1997
5)
SZ, 10.4.99
6)
Sehr übersichtlich ist z.B. das Digital
R3sist4nc3 Archive of Hacked Websites [http://freespeech.org/resistance].
7)
Die Protestseite ist http://www.alert.org.yu/stopnato.html, vgl. http://freespeech.org/resistance/windsurfer/
www_americanwindsurfer_com.html.
8)
Ellen Messmer: Kosovo
cyber-war intensifies [http://www.nwfusion.com/news/1999/0512kosovo.html],
in: Network World Fusion, 12.5.1999
9)
. Das gleiche Bild wurde von KpZ einen Tag später auf einer NASA-Seite
hinterlassen.
10)
Die CIA sollte danach albanische Rebellen für Sabotageaktionen ausbilden,
mit denen die serbische Bevölkerung gegen ihren Präsidenten aufgebracht
werden sollte. Zu den Ausbildungszielen gehörten u.a. Häusersprengungen,
der Diebstahl von Lebensmittelvorräten oder die Verunreinigung von Benzinlagern.
11)
Das beliebte Schlagwort dafür ist elektronisches
Pearl Harbour [http://www.heise.de/tp/deutsch/special/info/6339/1.html],
das an den Überfall der japanischen Luftwaffe auf die US-Navy im Zweiten
Weltkrieg erinnert.
12)
Bradley Graham: In Cyberwar, A Quandry Over Rules And Strategy, in: International
Herald Tribune, 9.7.1998
13)
David A. Fulghum: Cyberwar Plans Trigger Intelligence Controversy, in:
Aviation Week&Space Technology, 19.1.1998, S. 55.
14)
Jay Peterzell: Spying and Sabotage by Computer, in: Time, 20.3.1989, zit.
nach Ute Bernhardt / Ingo Ruhmann: Der Krieg der elektronischen Waffen
- Elektronische Kriegsführung, in: dies. (Hg.): Ein sauberer Tod. Informatik
und Krieg, Marburg 1991, S. 123.
15)
Douglas Waller: Onward Cyber Soldiers, in: Time Magazine, 21.8.1995
16)
Vgl. Ralf Klischewski/Ingo Ruhmann: Ansatzpunkte zur Entwicklung von Methoden
für die Analyse und Bewertung militärisch relevanter Forschung und Entwicklung
im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie, Studie für das
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, Bonn 1995,
S. vi.
17)
Bei einer Anhörung des Senates zur defensiven Seite der Informationskriegführung
im Juni 1998 antwortete der CIA-Direktor George Tenent auf die Frage,
ob offensive Fähigkeiten entwickelt würden, nur mit einem Satz: "We're
not asleep at the switch in this regard", zit. nach Bradley Graham:
In Cyberwar, A Quandry Over Rules And Strategy, in: International Herald
Tribune, 9.7.1998.
18)
Vgl. David A. Fulghum: Cyberwar Plans Trigger Intelligence Controversy,
in: Aviation Week&Space Technology, 19.1.1998, S. 53.
19)
vgl. z.B. tagesschau-dossier, 25.5.1999
[http://www.tagesschau.de/ts/archiv/1999/Mar/23/ kosovo/M/chronologie/R/05-25-angriffe.html];
NATO Press Conference, Given by Mr Jamie Shea and Major General Walter
Jertz, 6.5.1999
[http://www.nato.int/kosovo/press/p990506c.htm].
20)
Kerry A. Blount/Lauren D. Kohn: C2-Warfare in FM 100-6, in: Military Review,
Nr. 4, Juli-August 1995, S. 66-69
21)
Zit. nach: McKenzie Wark: Virtual Geography. Living with Global Media
Events, Bloomington, Indianapolis 1994, S. 41, Übersetzung R.B.
Copyright
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Verlag Heinz Heise, Hannover
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