Source http://goedartpalm.virtualave.net/war.html
Krieg als Information
von Dr Goedart Palm
Aporien des Informationskriegs
Was zurzeit in den
kategorialen Weichformen medialer Selbstreflektion als "Information
Warfare", "Netzkrieg" oder "cyberwar" firmiert,
gilt als die militärlogische Überbietung alter Aufklärungs- und Desinformationsstrategien,
die dem harten Schlagabtausch vor-, nach- und beigeschaltet werden. Die
Informationskriegsgeschichte ist zwar nicht jünger als der Krieg selbst,
aber Medien und Informationen umkreisen ab jetzt nicht nur den Krieg,
sondern werden selbst als genuine Waffen in das Arsenal von Angriffs-
und Verteidigungswaffen integriert. Der Krieger verändert sich zum medienkompetenten
Auguren, der die Geheimnisse der Digitallogistik mindestens ebenso gut
beherrschen muss wie die vormaligen logistischen Wahrheiten klassischer
Militärstrategien. Anders wird er nicht siegreich sein. Annäherungsweise
wurde "cyberwar" als militärische Operation gegen die Informationsstruktur
des Feindes beschrieben, während "netwar" alle Kampfformen außerhalb
bewaffneter Auseinandersetzungen bezeichnet - aber schon vernetzen sich
beide Formen zu einer kriegerischen Infosphäre, die klassische Kriegsszenarien
als atavistische Konflikte mit nur erdenschwerer Bedeutung weit hinter
sich lässt.
Der Infowar löst sich
aus der Differenzierung zwischen militärischen und ziviler Machtausübung.
Nach dem Institute for the Advanced Study of "Information Warfare"
(IASIW) handelt es sich um den offensiven und defensiven Gebrauch von
Informationen und Informationssystemen, um die des Gegners auszunutzen,
zu täuschen, zu korrumpieren oder zu zerstören und zugleich die eigenen
zu schützen. Folgenreich verändert sich das Bild der Medien, sie seien
die humane Gegenmacht der Aufklärung des Menschengeschlechts gegen die
Irrationalität des Krieges, im begehrlichen Zugriff des Militärs. Der
Militärkritiker Ekkehart Krippendorff definierte das Militär noch unter
dem Eindruck des Golfkriegs als antipodisches Gegenstück der Aufklärung.
Aber in der Ära des expansiven "Informationskrieges" wird das
Gegenteil richtig. Der Begriff der Aufklärung war schon je antinomisch:
Einerseits der vernunftrationale Königsweg für den Ausgang des selbstgewissen
Subjekts aus der Unmündigkeit, andererseits das zweckrationale Wissen
um die Bewegungen des Feindes. Aber ist nicht die militärische Totalaufklärung
der Informationskrieger der souveränste Akt zeitgenössischer Welterschließung,
seitdem die durch eine mehrtausendjährige Philosophiegeschichte diffus
dekonstruierte Vernunft und ihre Wahrheitsderivate ohnehin nicht länger
einlösbar erscheinen? Virilio hat die technische Revolution, die von der
Informatikbombe ausgelöst wird, als "die babylonische Verwirrung
des individuellen und kollektiven Wissens" bezeichnet.
In diesem Menetekel
erhält sich noch der Begriff einer den Medien vorgeordneten Wahrheit,
die zwar im telematischen Rauschen untergehen mag, aber noch zu ermitteln
wäre. Mit dem spätmodernen Informationskrieg scheint aber mehr als die
Verseuchung der Logosphäre verbunden zu sein. Es könnte die Finalisierung
der abendländischen Vernunftgeschichte zur endgültigen Demontage ihres
Wahrheitsbegriffs werden. Theoretiker des Infowars sprechen von semantischen
und epistemologischen Angriffen, die die Wahrheit gegen virtuelle Realitäten
austauschen oder völlig außer Kraft setzen. Die Kritik der Urteilskraft
hat in diesen Kriegstheatern kein Auftrittsrecht mehr. Das Maß an Entropie,
dem Gesellschaften auf Grund solcher Störungen der Wahrheit ausgesetzt
sind, könnten radikaler sein als es klassische Kriege je waren. Epistemologische
Marshallpläne, die das beschädigte Vertrauen in die Wirklichkeit wieder
herstellen, sind schon deshalb schlecht vorstellbar, weil Wahrheit keine
beliebig restituierbare Größe ist. Kognitive Kriegsführung Dass Wissen
Macht ist, ist den Militärs spätestens seit Sun Tzu (ca. 400-320 v. Chr.)
bekannt, der die Kenntnis des Gegners und der eigenen Vernichtungspotenzen
zur Voraussetzung erklärte, in hundert Schlachten erfolgreich zu sein.
Aber dieser Kriegsweisheit werden erst jetzt Mittel zur Verfügung gestellt,
die die kognitive Durchdringung des Gegners bis ins Mark gewährleisten.
Zur Quadriga kognitiver
Kriegsführung wurde die Vernetzung von "Command, Control, Communication,
Computer and Intelligence" (C4I). Die vornehmlich in den Vereinigten
Staaten propagierte Militärdoktrin des "Information Warfare"
schreibt zwar damit zugleich Zielsetzungen klassischer Kriegsinformationspolitik
fort. Zentral wird aber der Glaube, die Informationsherrschaft sei nicht
nur eine Unterstützung der Kriegsführung, sondern zugleich als Kampfform
geeignet, Konflikte endgültig zu entscheiden. Die Forderung nach Informationsdominanz
reicht erheblich weiter als die klassische Feindaufklärung, sie wird sowohl
integraler Bestandteil des Waffenarsenals als auch Endziel der Auseinandersetzung.
Aufklärung über den Feind und Verbergung eigener Strategien verbinden
sich zum Ideal der Wahrnehmungshoheit. Als exemplarisch für die neue Wahrnehmungskriegsführung
gilt etwa die Vernichtung des irakischen C3I-Systems, um das Aufklärungswissen
des Gegners zu zerstören und ihn ungeschützt Angriffen auszusetzen. Der
Feind wird geblendet, sein Bewusstsein paralysiert, seine "mind-map"
durchkreuzt. Ab jetzt ist der sensorische und kognitive Apparat wertvolleres
Terrain als die Orte realer Feindpräsenz. So kann klassische Hardware
in die zweite Schlachtlinie rücken, weil nicht länger isolierte Vernichtungskapazitäten,
sondern ihr informationstechnologisch effizienter Einsatz zentral wird.
Biblisch gesprochen ist der Informationsdavid mit der Datenschleuder allemal
gefährlicher als ein blindwütiger Goliath der puren Vernichtung, wie etwa
die hilflosen Luftabwehrschläge im Golf- und Kosovokrieg erwiesen haben.
Aber Informationen sind mehr als zielgenaue Projektile. Daten sind virtuelles
Plutonium, aus dem flächendeckende Informationsbomben generiert werden,
die jede Wirklichkeitskonstruktion bis weit in ihre zivilen Grundfesten
hinein erschüttern können. Waffen sind zwar selbst nach dem klassischen
Begriff Informationen, die eindrücklichsten In-Formationen, die menschliches
Handeln bestimmen können.
Der neue Waffentypus
löst sich von der Materialität und und zielt auf die totale Manipulation
des perzeptiven Apparats. Zuletzt behält doch Bischof Berkeley zumindest
im herrschaftsgeladenen Reich der Virtualität Recht: "Esse est percipi
aut percipitur". Mit anderen Worten: Das Sein in der Infosphäre manifestiert
sich in der Wahrnehmung, daneben wird der Realismus des Körpers zur Schwundstufe
der Existenz - seine Vernichtung ein "Kollateralschaden" des
postklassischen Krieges. Schon zuvor hatte Mao Tse-Tung das Ziel des "Psychological
Warfare", den Geist des Gegners zu lädieren, als vorrangig gegenüber
seiner realen Zerstörung angesehen. Vom Blitzkrieg zum Wahrnehmungskrieg
Wellingtons Stoßseufzer "Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen
kämen" belegt paradigmatisch, dass Zeit von je her ein zentraler
Faktor der Kriegsführung war. Kriegsgeschichte wird zugleich als die Historie
technologischer Beschleunigung geschrieben. Generalmajor John Woodmansee
jr. begriff den Chip als technologischen Schlüssel zur neuen Militärdoktrin,
er sei das rasante Gegenstück zum Einsatz des Benzinmotors im Blitzkrieg.
Der Blitzkrieg der Panzergeneräle erscheint gemächlich gegenüber den Beschleunigungschüben
digitalen Datentransfers und ihrer informatischen Instrumentalisierung.
Heute gehen Militärs den letzten Schritt von der "near-real-time"
zur "Echtzeit", um optimale Operationsgeschwindigkeiten auf
virtuell-realen Schlachtfeldern zu erzielen. Digitales Tempo verheißt
aber mehr als einen graduellen Beschleunigungsschub, der alte Mobilisierungszeiten
übertrifft. Der klassische Entscheidungszyklus des OODA (Observation,
Orientation, Decision and Action Loop) wird in der Hyperinformierung der
operativen Streitkräfte im Eiltempo durchlaufen. Wir beobachten einen
militärischen Paradigmenwechsel, wenn die Instantanität von Wahrnehmung,
Entscheidung und Exekution in einer logischen Sekunde zusammenfallen können.
"Situational awareness" und "top-sight" verbinden
sich zur Strategie dieses Kriegsideals: "Den Feind sehen, heißt ihn
zugleich zu vernichten". Der exekutive Gewinn der "situational
awareness" liegt zunächst im höheren output bei gleichzeitiger Minimierung
menschlicher Beteiligung. Aber nicht nur strategische Raumdeckungen während
der heißen Phase, die umfassende Schlachtfeldtransparenz, sondern auch
personalaufwändige Besetzungen des Feindgebiets durch nacheilende Schutztruppen
können digitaler Supervision anvertraut werden.
Zukünftige Nachkriegsschauplätze
werden in bester Orwell´scher Tradition der Wahrnehmungssouveränität von
Satelliten und web-cams unterliegen. Somit begründet weniger der digital
rekonstruierte Blitzstrahl des Zeus als Vision der neuen Wunderwaffe den
paradigmatischen Umbruch spätmoderner Militärkonzepte, sondern die operationale
Neuorganisation der Kampfszenarien. Modellkriege werfen immense Anforderungen
an Komplexitätsverarbeitung und -reduktion auf, die systemtheoretisch
als Autopoiesis der Kriegsführung verstanden werden können. Bei schwierigen
Entscheidungsprozessen haben Sozialexperimente erwiesen, dass zirkuläre
Organisationsstrukturen ein höheres Maß an Effizienz besitzen als Kopf-Körper-Modelle.
Geringerer Autoritätsdruck und instanzielle Verteilung des Entscheidungsproblems
machen stellen solche Systeme als krisenfester und handlungsstärker dar.
Galt das Militär zuvor als härteste Hierarchie, verwandeln sich im neuen
Kriegsmanagement Armeen zu schlagkräftigen Lernunternehmen. Im Blick auf
die Seeschlacht bei den Midway-Inseln hat Warren McCulloch die paradigmatische
Umwandlung einer klassischen Hierarchie in eine Heterarchie beschrieben.
Nachdem die japanische Flotte das gegnerische Flaggschiff frühzeitig versenkt
hatte, war die amerikanische Flotte auf wechselnde Kommandostellen angewiesen.
Zum Befehlshaber der Armada avancierte der jeweils aus besten Perspektive
das Schlachtgeschehen beobachtende Kapitän. Die panoptische Dezentralisation
der Verantwortung führte zur Vernichtung des Gegners trotz des Verlustes
der eigenen Führung. Kriegsglück und -götter werden ab jetzt durch Rückkoppelungs-
und Reaktionsgeschwindigkeiten ersetzt. Kommandogewalt wird zur allgegenwärtigen
Herrschaft des feedbacks, das Jimi Hendrix ante litteram bereits als elektronische
Gestalt des "star-spangled-banner" denunziert hatte.
Je mehr Transferzeit
für Informationen und Übermittlungsverluste entstehen, umso reduzierter
sind Anpassungs- und Überlebensmöglichkeiten. Danach entwertet die Digitalisierung
der Planung zunehmend klassische Kommandostrukturen. Joseph Weizenbaum
hat im führungsintensiven Bereich des Militärs die Enteignung des Menschen
aus der Entscheidungsverantwortung beobachtet. Generäle beklagen ihre
Bedeutungslosigkeit gegenüber digital berechneten Entscheidungsgrundlagen,
die nur noch den deklaratorischen Vollzug der "Entscheidung"
eröffnen. Hier steckt die Aporie einer Informationsherrschaft, die menschliche
Entscheidungsautonomie der Herrschaft der digitalen Zauberlehrlinge unterwirft,
um - nicht allzu kühnen Extrapolationen nach - schon bald postbiologische
Protagonisten in die Schlacht zu werfen. Von der Täuschung zur Virtualisierung
der Virtualität Die Spiralen von Aktion und Reaktion schieben sich in
virtuellen Szenarien in unabsehbare Höhen, die klassische Schlachtmanöver
mit eindeutigen Begegnungskoordinaten eindimensional erscheinen lassen.
Virtualität ist keine unvollkommene Wirklichkeit zweiter Ordnung, sondern
ein multidimensionaler Viele-Welten-Raum, dessen Wirklichkeitshorizonte
in Zukunft nicht weniger valide als klassische Wirklichkeitskonstruktionen
sein werden. Mit anderen Worten: Die Welt potenziert sich, ohne den diskreten
Unterschied zwischen Realität und Virtualität in einer zukünftigen Ontologie
noch länger fixieren zu können.
Danach muss auch die
Virtualität schon bald nach Virtualitäten erster, zweiter und folgender
Ordnung unterschieden werden, um noch eine Orientierung der Kämpfenden
zu sichern. Virtuelle Kriege ohne Bodenhaftung machen den Krieg selbst
zum n-dimensionalen Kriegsspiel, freilich ohne den agonalen Charakter
simulieren zu müssen. Agonie bleibt auch trotz der amerikanischen Medienkriegslehre
des "zero-death" - der Tod ist ausgeschlossen, zumindest in
den eigenen Reihen - ein Ziel in der Vernichtungspalette. Distanzschläge
bieten vornehmlich den militärpsychologischen Vorteil, den Akteuren keine
mimetische Beteiligung am Tod des Gegners mehr abzuverlangen. Der emotionale
Vorteil liegt auf der Hand: Der Gegner minimalisiert sich zur Informationsgröße
auf dem Monitor, nicht realer als das in Computerspielen ubiquitär residierende
Böse. Dem blutleeren Monitor mögen die ungehörten Schreie der Opfer korrespondieren,
aber diese haben keine exponierte Bedeutung mehr in der Schlacht. Die
bisherige Täuschungsgeschichte des Krieges wird unendlich überboten, wenn
Simulationsszenarien in cyberspace wie Zwiebelschalen abgeblättert werden
müssen, ohne leichtfertige Hoffnung, das Kerngehäuse gegnerischer Präsenz
je zu finden. Mit semantischen Angriffen auf Sensoren eines Systems, bleiben
seine Funktionen scheinbar intakt, weil allein die zu Grunde liegende
Realität als Berechnungsgröße manipuliert wird. Beispiel wären künstlich
produzierte Umweltkatastrophen, die etwa Versorgungswerke lahm legen,
die sich automatisch im Katastrophenfall abschalten. Die Decodierung feindlicher
Botschaften, etwa Turings berühmte Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine
"Enigma", konnte noch darauf vertrauen, dass hinter der Verschlüsselung
ein operational verwertbares Wirklichkeitswissen über den Feind stand.
Ein militärischer Turing-Test, der in Zukunft danach fragen würde, ob
das Gegenüber eine reale Bedrohung sei, kann sich in fortgeschritten Cyberszenarien
in infiniten Rückgriffen verlieren. Nicht nur holografische Schreckensgebilde,
sondern auch feindliche Codes können leere Datenhülsen sein, die Datenverarbeitungskapazitäten
blockieren und ins Nirgendwo führen. Virtuelle Kriege werden im "Nebel"
und "Rauschen" geführt, Informationsweizen und Datenspreu liegen
dicht beieinander. Hier begründet sich die Aporie, dass der Beschleunigung
von Datenverarbeitungen ein Datenoutput gegenübersteht, der zukünftigen
Temporalstrukturen von Kriegen nicht prognostizieren lässt. Omnipräsenter
Informationshunger droht wieder in blindwütigen Aktionismus zu verfallen,
wenn allein das Gesetz des Handelns zur taktischen Not im Datenrauschen
wird.
In der Extrapolation
zukünftiger Simulationskriege wie etwa "Gibson-warfare" werden
die Kämpfe nur noch Computern und virtuellen Gegnern anvertraut, die von
den Parteien als legitimes Ergebnis anzuerkennen wären. Freilich ist das
letztlich eine pazifistische Vision eines legalistischen Krieges, eines
digitalen Schachspiels fairer Kontrahenten. Gegenüber den Eskalierungsspiralen
des "Information warfare", die weit über die vormaligen Totalisierungen
der Krieges hinausreichen, handelte es sich um Visionen, die Cyberspace
zum Reservat menschlicher Aggressivität reduzieren, um der Wirklichkeit
den ewigen Frieden zurückzugeben. Politik als Krieg Während die neue Zerstörungsdoktrin
vorgibt, alte Konzepte mit Infobomben, intelligenter Munition oder panoptischer
Aufklärung zu verbessern, folgt sie längst Logiken, die aus alten Kriegsordnungen
endgültig ausbrechen. Im Kurzschluss politischer und militärischer Operationen
wird das tradierte Nachfolgeverhältnis von politischer Willensbildung
und Militäreinsätzen aufgelöst. Dabei geht es nicht nur um den Pluralismus
friedlicher und kriegerischer Durchsetzungsformen, sondern um eine integrierte
Kampfform, die noch keinen bekannten Namen trägt. Kants Vision des ewigen
Friedens wird durch die Möglichkeit des ewigen Krieges überboten, der
sich lautlos und latent vollzieht, ohne mit Fanfarenklängen und in der
Uniformierung des Schreckens eine globale Öffentlichkeit in humane Alarmbereitschaft
zu versetzen. Der ubiquitären Verbreitung von Informationen und propagandistischem
Sperrfeuer korrespondieren Auseinandersetzungen, die relativ unbeobachtet
in den digitalen Nervenbahnen des Netzes stattfinden. Krieg oder Frieden?
Wer wollte das überhaupt noch unterscheiden, wenn politische und militärische
Gewalt zu einer subkutanen Konfliktform verschmelzen, die ihr Zerstörungswerk
dissimuliert, ohne dadurch an destruktivem Potenzial zu verlieren. Vollends
aporetisch für die tradierte Unterscheidung von Krieg und Frieden wird
ein herrschaftsorientierter Pazifismus, der seine unfriedlichen Absichten
maskiert.
Die informationstechnologische
Verminung des gegnerischen Terrains zielt auf die Entmedialisierung des
Gegners. Aber dieser Kampf beschränkt sich nicht auf militärische Positionen,
sondern will den Gegner auch in seine zivilen Erscheinungsformen letal
treffen. Die Anwendungsfelder sind bekannt: Zerstörung von Telekommunikationsystemen,
elektronischer Nachrichtenmedien oder ökonomischer Strukturen von Börsen
und Banken. Im "Hacker Warfare" können etwa imaginäre Transaktionen
Folgeschäden auslösen, die denen eines atomaren Schlags nicht nachstehen.
Erst jetzt wird klar, dass die Schreckensformel des "totalen Kriegs"
weit über seine heiße Blut- und Bodenwahrheit hinausreicht, sich auf sämtliche
Infrastrukturen des Gegners bezieht, die seine Lebensfähigkeit bedingen.
War Feindaufklärung zuvor Pionieren und Meldern als der Vorhut anvertraut,
ist mit dem "Infowar" die Stunde von Hackern, Datenfreibeutern
und Desinformationspiraten gekommen, die in fremde Daten- und Informationsgelände
eindringen. Die Homepage der NATO etwa war zeitweise wegen eines "Ping-Bombardements"
nicht mehr einsatzfähig. Mit Datenanfragen werden Systeme und Server überlastet,
bis sie kollabieren. Clifford Stolls voreilig pessimistische Beschreibung
der "Wüste Internet" bewahrheit sich zumindest in den Detonationen
von E-Mail-Bomben mit Mehrfachsprengköpfen, die den Verkehr lahm legen.
Gefährlicher als Datenstau ist die digitalbiologische Kriegsführung mit
Viren, mit denen etwa jugoslawische Hacker der "Schwarzen Hand"
den totalen Krieg gegen antiserbische Propaganda führen.
Die Netzguerilla kompensiert
mit Mail-Bomben und "Ping-Bombardements" militärische Schwächen
auf dem vormaligen Feld der Ehre. Überlegene Informationsherrschaft wird
in Zukunft propagandistisch formulieren können: "Bella gerunt alii
- wir informieren!" Der franzöische Militärstratege Beaufre hat schon
1963 Strategie auf jedes kommunikative Handeln ausgedehnt, das in der
Dialektik antagonistisches Willens den Gegner von der Aussichtslosigkeit
des Kampfs überzeugt. Wenn Konflikte in der Infosphäre entschieden werden
können, wäre jede andere Munition Verschwendung wider den kapitalistischen
Geist ökonomischer Herrschaft. Dabei scheint William Peacocks Einsicht,
dass die Grundsätze des modernen Krieges just jene Direktiven sind, die
auch den kapitalistischen Wettbewerb bestimmen, mehr zu sein als ein Epiphänomen
der explosiven Informationssprengkraft. "Information warfare"
herrscht längst in den zivilen Bereichen von Wirtschaft und Kultur, ohne
dass "unfriendly take-overs" mit einer Kriegserklärung eingeleitet
würden. Aber mehr: Transnationale Bündnisse und Achsen sind nicht allein
Interessen nationaler Staaten, um ihre ökonomische, kulturelle oder militärische
Präsenz zu verstärken. Auch aggressive Wirtschaftsimperien und kriminelle
Bruderschaften überschreiten gleichermaßen nationale Grenzen, um im Kampf
aller gegen alle den vormaligen Leviathan das Fürchten zu lehren. Frontlinien
lösen sich auf, weil das Netz nicht nur antagonistische Nationalstaaten
und supranationale Kombattanten repräsentiert, sondern eine globale Öffenlichkeit
auf der digitalen agora zulässt. Es entstehen herrschaftsorientierte Diskurskriege
und immer währende Informationsschlachtfelder, die auch solche Teilnehmer
wie Friedensbewegte oder Umwelt- und Menschenrechtsgruppen zulassen, die
vordem keiner bellizistischen Gesinnung verdächtigt worden wären. Der
Krieg verliert sein Gesicht, maskiert sich zur Ordnungsmacht gegenüber
der Entropie des Feindes, wird schließlich zum repressiven Pazifismus.
Zukünftige Weltinformationskriege
werden danach das "think global, act global" mindestens eben
so gut beherrschen müssen wie "think global, act local", weil
in virtuellen Szenarien die Differenzierungen zwischen zentral und marginal,
global und lokal, oben und unten obsolet werden. Lokale Konflikte verändern
sich im "Information warfare" zu Globalkriegen, weil in einem
Netz strategische, taktische oder propagandistische Vorteile überall und
jederzeit entstehen können. "Information Warfare" verlässt alte
Zeit-Raum-Logistiken, wie es zuvor die Revolutionierung des Krieges durch
Guerilla-Taktiken in Kuba, Algerien oder Vietnam vorausgeahnt hat. Über
lange Zeiträume hinweg können etwa taktische Vorbereitungen den Krieg
bereits im Vorfeld finalisieren. "Hacker Warfare", die trojanische
Pferde, Zeit- und Bedingungsbomben in das gegnerische Informationsarchitektur
einschleust, kann die heiße Phase auf einen Zeitpunkt terminieren. Das
Kriegstheater ereignet sich dann im kürzesten Moment, wenn alle Implantate
ihre Mission aus verschiedensten Positonen vollziehen. Der Schlag liegt
hinter jeden imaginären Frontlinie, die Operationslinien können im Zeitalter
der schnellen Bits und Bytes über unbeobachtete Peripherien laufen. Der
Feind bewegt sich tendenziell in Atopien, zu denen keine Datenspuren mehr
hinführen. Ab jetzt liegen die Propagandaquellen zwar in einem Dorf, site
an site, einen surftip weit auseinander, aber die digitale Dörflichkeit
ist alles andere als ein überschaubares Feld antagonistischer, aber wahrheitsfähiger
Interessen. Längst verbreitet sich in der Netzgesellschaft eine gut begründete
Paranoia, dass Informationen als Zielobjekt und Waffe jede Wahrheit transzendieren.
Aporien ziehen ein, wenn jede Wahrheit nur noch als Anschlussgröße für
Gegeninformationen genommen wird.
Copyright.
Dr. Goedart Palm
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