Source:
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/info/6562/1.html
( Postmoderne Kriegsdiskurse. Die Informationsrevolution
und ihre Rezeption im strategischen Denken der USA, in: telepolis, 13.12.1999,
ebenfalls in: Zeitschrift für Kommunikationsökologie, Nr. 2/1999, S. 16-20.)
Postmoderne
Kriegsdiskurse
Ralf Bendrath
13.12.1999
Die Informationsrevolution
und ihre Rezeption im strategischen Denken der USA
Fast unbemerkt
hat die Postmoderne nun auch die Militärs erreicht. Obwohl bereits der
Vietnamkrieg als der erste "postmoderne Krieg" bezeichnet wurde1
, finden erst seit kurzem postmoderne Theoreme ihren Eingang in militärische
Planungspapiere und konservative Denkfabriken. Feste Hierarchien gelten
plötzlich als überholt, die Grenzen zwischen Krieg und Frieden oder zwischen
innerer und äußerer Sicherheit werden eingerissen, und der Krieg findet
nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern auf den Computerterminals der
Kommandeure statt. Am Ende wird der Kämpfer arbeitslos, wegrationalisiert
durch autonome Kampfroboter und Manager des Informationskrieges.
So oder ähnlich könnte man die in
den letzten Jahren entstandene Diskussion im Umfeld der US-Streitkräfte
zusammenfassen. Mit der Betonung der Informationstechnologien für die
Zukunft des Krieges ist eine diskursive Entwertung der kämpfenden Truppen
verbunden, die im Selbst- und Fremdbild der Streitkräfte immer identitätsstiftend
waren. Nach der Delegitimierung des klassischen Kämpfers wird nun ein
neues Bild des Krieges und damit auch der amerikanischen Machtpolitik
konstruiert. Auch dieser Diskurs, der von "Präzisionsschlägen",
"virtuellen Schlachtfeldern", "Medienoperationen"
und ähnlichem lebt und eine Zivilisierung der Kriegführung suggeriert,
hat seine dunkle Seite der Macht. Diese findet sich allerdings nicht mehr
in den Bombenschächten der B-52, sondern in der Kontrolle strategischer
Informationsflüsse.
Von
der Geopolitik zur Technopolitik
| We
are not in the business of killing. |
| General
Norman Schwarzkopf2
|
Ausgangspunkt der Debatte, die inzwischen
eine ganze Garagenindustrie von Analytikern, Visionären, Konferenzen und
Webseiten hervorgebracht hat, sind die rasanten Entwicklungen im Bereich
der Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Rede von der "Informationsrevolution"
hat dabei die zunächst unter Geopolitikern attraktive "neue Weltordnung"
verdrängt. Damit wird als treibende Kraft des internationalen Wandels
nicht mehr die Weltlage nach dem Ende des Ostblocks identifiziert, schon
gar nicht die Veränderungen der internationalen Klassenbeziehungen, sondern
die Technologie.
Dieser Paradigmenwechsel im strategischen
Denken stieß zunächst auf größeren Widerstand. Die kalten Krieger in den
Planungsabteilungen und Denkfabriken bestanden auf ihren alten Weltbildern.
Nach der bislang auch im akademischen Bereich dominanten Theorieschule
des sogenannten "Realismus" spielen Staaten immer noch die zentrale
Rolle in der internationalen Politik, die im Kern ein Nullsummenspiel
um knappe Ressourcen und den relativen Vorteil ist. Ihre Bedrohungskonstruktionen
sind entsprechend ganz um staatliche Waffenarsenale zentriert (so wurde
davor gewarnt, dass Russland wieder eine Supermacht werden könnte), und
das Kriegsbild, das dieser Theorie folgt, ist der klassische Territorialkrieg
mit Panzerverbänden und klaren Frontlinien.
Um dagegen eine andere Vision des
Krieges durchzusetzen, musste der strategische Diskurs um ein neues, sehr
mächtiges Leitbild herum strukturiert werden. Dabei war es wichtig, dass
dieses Bild einen radikalen Wandel des Denkens impliziert, aber gleichzeitig
hinreichend deterministisch konstruiert wird, um jeden Widerstand als
veraltet und sinnlos erscheinen zu lassen. Als Anknüpfungspunkt bot sich
daher die informationstechnische "Revolution" an, von deren
übermacht spätestens mit dem Boom des Internet niemand mehr überzeugt
werden musste. Dieser Diskursstrang wurde verknüpft mit einer Revolutionstheorie
der Militärgeschichte, nach der immer wieder neue Technologien die Kriegführung
grundlegend verändert haben.3
Daraus wurde eine Theorie der militärischen Revolutionen konstruiert.
Zusammen mit der "Informationsrevolution" ergab dies das aktuelle
soziotechnische Leitbild der "Revolution in Military Affairs"
(RMA)4
. Die These von "revolutionären", also diskontinuierlichen Sprüngen
in der Entwicklung der Kriegführung erfüllt mittlerweile als Theorem der
Militärwissenschaft auch für empirische Studien zur Kriegsgeschichte eine
leitende Funktion.
Angewandt auf die Gegenwart beschreibt
das Bild der "Revolution in Military Affairs" aber nicht etwa
eine tatsächlich stattfindende Entwicklung, sondern sorgt umgekehrt erst
für ihr Entstehen. Indem Szenarien der Kriegführung im 21. Jahrhundert
gemalt werden, die aus digital vernetzten Armeen, intelligenten Bomben,
globaler Überwachung und "Computer Network Attacks" bestehen,
wird die in der Vergangenheit kumulierte Erfahrung der Militärs für null
und nichtig erklärt. Die informationstechnische Zukunft erscheint nunmehr
so klar, so drohend und unausweichlich, dass die Vergangenheit mit ihren
Fehlschlägen und gelernten Lektionen keine Chance mehr hat. Dies spiegelt
einen gesellschaftlichen Trend wider, der sich auch in der hohen Beliebtheit
von Science Fiction ausdrückt: "Die extrapolierte oder narrative
Zukunft hat die geschichtliche Vergangenheit als unseren grundlegendsten
und entscheidendsten Bezugspunkt verdrängt."5
Sobald erst einmal die im Pulverdampf vergangener Schlachtfelder zu "Helden"
gewordenen Soldaten der kämpfenden Truppen auf diesem Wege symbolisch
entwertet sind, ist der Weg frei für ein "post-heroisches Militär"
(so der Titel eines vielzitierten Aufsatzes6
). Die "Helden" der Zukunft, sofern es noch welche gibt, sind
Hacker und Informationsmanager.
Die
Rationalisierung des Krieges
Der konservative Teil der Militärstrategen
versucht das Neue mit dem Alten zu verbinden, indem die Informationsrevolution
für konventionelle Kriegführung genutzt werden soll. In dem zentralen
Planungspapier des US-Generalstabes, der "Joint Vision 2010"7
, wurde daher auch der revolutionäre Ansatz durch einen evolutionären
ersetzt. Mit einem Verbund von weltweiten Sensoren, Datennetzen, Künstlicher
Intelligenz und Waffenlenksystemen, dem sogenannten "System of Systems",
soll das Schlachtfeld so transparent gemacht werden wie die irakische
Wüste zur Mittagszeit. Im Kern lässt sich dieser Ansatz als das klassische
"Toys for the Boys" beschreiben. Informationstechnologien werden
als "Force Multiplier" betrachtet, die ansonsten keine grundlegenden
Änderungen des strategischen und taktischen Denkens erfordern.
Die Datenverarbeitung wird so zur
zentralen Aufgabe der Streitkräfte. Die Ausgaben des Pentagon, die mit
dem Erzeugen, Sammeln und Verteilen von Informationen verbunden sind,
belaufen sich derzeit auf ca. 43 Milliarden US-Dollar8
- das sind bereits mehr als 150% des deutschen Verteidigungshaushaltes.
Allein die Navy wird in den nächsten sechs Jahren 10 Milliarden Dollar
für "Informationskriegführung" ausgeben, entsprechend hohe Ausgaben
sind auch bei den anderen Teilstreitkräften eingeplant.
Um die Menge an Daten (täglich mehrere
Terabytes allein im Pentagon) überhaupt noch verstehen zu können, arbeitet
man bereits eng mit den Spezialisten für dreidimensionale Grafiken aus
Hollywood zusammen. So hat sich die US-Army zu 51% an einem Joint Venture
mit der School of Cinema-Television der University of Southern California
beteiligt, in dem eine umfassende Gefechtsfeld-Simulation entwickelt werden
soll.9
Das Ziel ist es, den "Nebel des Krieges" zu lichten und in einem
virtuellen Datenraum den Kommandeur zum organischen Teil des Systems zu
machen. Die US-Strategen glauben dabei recht naiv an die neue Technologie
und ihre Computermodelle der kriegerischen Wirklichkeit. Es gibt kaum
noch einen Bereich, in dem nicht digital modernisiert wird, von der Logistik
über das Beschaffungswesen bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Bis hin zum
einzelnen Soldaten wird die Vernetzung derzeit vorangetrieben, mit Laptops,
digitalen Helmkameras und Satellitennavigation.10
Diese Ausweitung der Nutzungsbereiche
von Computersystemen im Militär lässt sich als Versuch beschreiben, immer
weitere Aspekte der komplexen Realität des Krieges kalkulierbar und damit
planbar zu machen. In der Geschichte des militärstrategischen Denkens
zeigt sich dieses Denken bereits mit dem Verschwinden der "Fortuna"
seit Beginn der Moderne.11
Mit den Verheißungen der schönen neuen Informationswelt wird diese unberechenbare
Schicksalsgöttin nun auch noch aus dem letzten Winkel des Krieges herausgerechnet.
Schon Carl von Clausewitz hat aber
das "Spiel von Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Glück und Unglück
(...), welches (...) den Krieg dem Kartenspiel am nächsten stellt"12
als elementares Element jeder Strategie identifiziert und mit seinem Begriff
der "Friktion" beschrieben. Kein Schlachtplan überlebt daher,
so eine alte Feldherrenweisheit, die erste Feindberührung. Da der gesamte
militärische Diskurs um die Kriege der Zukunft aber bereits auf der Grundannahme
der rational geplanten und kalkulierbaren Kriegführung basiert, die mit
den Computersystemen verbunden ist, folgt aus Fehlern und Defiziten in
der Praxis regelmäßig eine immer weitere Verfeinerung der militärischen
Hard- und Software. Dies erklärt, warum Technologisierungsschübe besonders
in und nach Kriegen einsetzen. Die Technologie wird in diesem Prozess
zunehmend in neue, vorher nur sozial integrierte Bereiche eingeführt.
Nach der Signalübertragung und der Objektidentifizierung werden Computersysteme
mittlerweile dazu eingesetzt, automatisch Befehle zu generieren.13
Letzte Entscheidungen über Leben und Tod werden so den Modellen der Simulationsprogramme
überlassen.
Das mit Computern ausgestattete
Militär zeigt damit, soziologisch gesprochen, typische Merkmale eines
großtechnischen Systems14
, nämlich eine Tendenz zur Expansion (das Bestreben, die Umwelt nach Kriterien
des Systems zu strukturieren) und zur Innovation (die Unmöglichkeit eines
technischen Stillstandes). Damit dringt aber die militärische Computernutzung
in soziale Bereiche vor, die traditionell nicht als militärischer Handlungskontext
angesehen wurden.
Wissen
ist Macht - auch militärische
Aus dem blutigen Krieg wird so ein
"Informationskrieg". Dieser Begriff hat seit Anfang der neunziger
Jahre eine rasante Karriere gemacht, die nicht zufällig parallel zum Boom
des Internet verlief. 1993 erschien eine vielbeachtete Studie des militärnahen
Think-Tanks RAND Corporation, in dem die Autoren als neue Kriegsform den
"Cyberwar" ankündigten.15
Im gleichen Jahr veröffentlichten die Futorologen Alvin und Heidi Toffler
ihr Buch "War and Anti-War", in dem ebenfalls eine neue Form
des Krieges vorhergesagt wurde, die auf der Beherrschung der Informationen
basiert. Das Buch wurde zum Bestseller in den US-Streitkräften und gehört
mittlerweile zur Pflichtlektüre an den meisten Militärakademien der USA.
Alvin Toffler selber ist seitdem Gastprofessor an den War Colleges der
Army und Air Force.16
Die Folge war die Gründung der School for Information Warfare and Strategy
an der National Defense University in Washington im Jahr 1994.17
Bereits ein Jahr später war "Information Warfare" das Leitbild
für alle Forschungs- und Entwicklungspläne des Pentagon18
, und 1996 wurde es in die bereits erwähnte Joint Vision 2010 aufgenommen.
Die US-Streitkräfte verfügen heute über eigene Field Manuals, Einsatzzentralen
und defensive wie offensive Doktrinen des Informationskrieges.
Der Begriff "Informationskrieg"
ist sehr weit gefasst. Er umfasst das Stören von gegnerischen Kommunikationskanälen,
physische Angriffe auf Kommandozentralen und Angriffe durch Computernetze
ebenso wie psychologische Kriegführung und gezielte Öffentlichkeitsarbeit.19
Während Teile davon, etwa ein Bombardement von Radarstellungen, nur in
Verbindung mit einem "normalen" Krieg eingesetzt werden sollen,
sind andere Maßnahmen - beschönigend "Informationsoperationen"
genannt - auch in Friedenszeiten vorgesehen. Damit verschwimmt die klare
Trennung zwischen Krieg und Frieden sowie zwischen militärischer und politischer
Machtausübung.
Informationen gelten im politischen
System der USA heute als strategische Ressource wie Militärarsenale und
Wirtschaftspotentiale. Mit der übernahme von Ansätzen aus der postmodernen
Managementtheorie und der Netzwerkökonomie ändert sich aber der Umgang
mit dieser Ressource. Im Gegensatz zu Kapital, Boden, Waffen oder Menschen
sind Informationen mehr wert, wenn sie geteilt und nicht zurückgehalten
werden. Für die Militärpolitik bedeutet dies, dass möglichst viele andere
Staaten ihre Streitkräfte an das Informationssystem der USA anschließen
sollen, die so zum "natürlichen Koalitionsführer" bei Militäreinsätzen
werden. Der erste Einsatz nach diesem Modell war die IFOR/SFOR-Truppe
in Bosnien. Auch die NATO-Kommandostruktur ist bereits darauf zugeschnitten
worden; ihren Kern stellt seit 1996 das Modell der Combined Joint Task
Forces dar, "projektbezogene" militärische Einheiten aus Truppenteilen
verschiedener Staaten (Combined) und allen Teilstreitkräften (Joint),
die für einen bestimmten begrenzten Einsatz gebildet und anschließend
wieder aufgelöst werden (Task Force).20
Als Vorbild hat man sich hier unverkennbar
an dem postmodernen Konzept der "virtuellen Unternehmen"21
orientiert. Führende US-Strategen sprechen bereits von einem "Informationsschirm",
der den atomaren Schirm ablösen wird.22
Im Einzelfall kann das dazu führen, dass andere Armeen quasi in der Rolle
von Subunternehmern die Drecksarbeit machen und die USA als "Systemführer"
nur noch für die Datenverwaltung - Satellitenspionage, Zielerkennung oder
Kommunikation - zuständig sind. Martin Libicki, ebenfalls RAND-Mitarbeiter
und Vordenker des Informationskrieges, nennt dies passend "virtuelle
Koalitionen"23
.
Zur Zeit wird in den USA eine "Nationale
Informationsstrategie" vorbereitet, die solche militärischen Informationsflüsse
mit ihren zivilen Entsprechungen zusammenführen soll. Wiederum beteiligt
ist der Cyberwar-Vordenker John Arquilla, Professor an der Naval Postgraduate
School in Montery.24
Die mediale Repräsentation des Krieges ist in den letzten Jahren immer
wichtiger geworden, sowohl für die Akzeptanz an der heimatlichen Fernsehfront
als auch für die Manipulation der Wahrnehmung des Gegners. In den Streitkräften
sind die Einheiten für psychologische Kriegführung, die traditionell immer
eine Außenseiterrolle hatten, mit der Doktrin der "Informationsoperationen"
nun ins Zentrum der strategischen und taktischen überlegungen gerückt.
Darüber hinaus wird eine stärkere Verzahnung der militärischen Informationseinheiten
mit Einrichtungen wie der Voice of America, Radio Free Europe oder dem
US Information Service vorgesehen.25
Der damalige Vorsitzende der Vereinigten
Stabschefs, General Colin Powell, brachte dies zur Zeit des Golfkrieges
1991 bereits auf den Punkt: "Wenn alle Truppen in Bewegung sind und
die Kommandeure an alles gedacht haben, richte deine Aufmerksamkeit auf
das Fernsehen, denn du kannst die Schlacht gewinnen oder den Krieg verlieren,
wenn du mit der Story nicht richtig umgehst."26
Der
neue Krieg um die Köpfe
An dieser Stelle setzen die selbsternannten
Revolutionäre der Kriegstheorie an. Wenn das Entscheidende in den Kriegen
der Zukunft nicht mehr die Feuerkraft, sondern die Informationsvorherrschaft
ist, so die postmoderne Wende, dann zielt die Kriegsstrategie nicht mehr
auf den Körper des Gegners, sondern auf seinen Geist. Die Selbst- und
Umweltwahrnehmung des Gegners soll so strukturiert werden, dass er dem
amerikanischen Willen folgt, ohne mit Gewalt gezwungen zu werden. Dies
entspricht dem Wandel des innerstaatlichen Gewaltmonopols, den bereits
Michel Foucault27
beobachtet hat: Nicht mehr der Körper des Verbrechers ist heute das Objekt
des Strafvollzuges, sondern sein Wille. Anstatt die Wahrnehmungs- oder
Entscheidungsprozesse des Gegners zu beeinflussen, sollen seine Ziele,
also der politische Zweck des Krieges, verändert werden.
"Das Angriffsziel des Informationskrieges
ist dann das menschliche Denken, speziell das Denken derer, die die Schlüsselentscheidungen
über Krieg und Frieden treffen", so George Stein, Professor am Army
War College, in einem vielzitierten Artikel28
. Auf dieser Basis wurden Konzepte für weitergehende Formen der Kriegsführung
entwickelt, die unter den Leitbildern "Netwar" oder "Neocortical
War" zusammengefasst werden. Sie beinhalten eine Ausweitung des Kriegsbegriffes
auf alle Konfliktformen in der Gesellschaft, die mit öffentlichen Mitteln
ausgetragen werden.29
Informationen gelten dabei zunehmend
als Waffen, so sprechen etwa die Tofflers von den amerikanischen "Medienhaubitzen"
CNN und Hollywood.30
Am Ende, so die Visionen aus den Denkfabriken, könnten "Special Media
Forces" den Einsatz von richtigen Soldaten überflüssig machen.31
Diese Position entspricht der postmodernen oder konstruktivistischen Wende
in den Humanwissenschaften, mit der den ideellen, symbolischen Strukturen
mehr Gewicht für menschliches Handeln zugemessen wird als den materiellen
Bedingungen. Sie findet in den USA aber auch darüber hinaus eine hohe
Akzeptanz, weil sie ein Bild vom unblutigen Krieg suggeriert. Dass diesen
Krieg im Zweifelsfall andere führen, verschwindet unter den Bildern vom
"Cybersoldaten".
Der "Informationskrieg"
ist aber mehr als nur eine beschönigende Darstellung des brutalen, blutigen
Krieges durch gezieltes Informationsmanagement. Wäre es so - und so wollen
es konservative Militärstrategen gerne behalten - , dann könnte man es
mit dem alten Begriff der "Propaganda" beschreiben. Die postmoderne
Variante der amerikanischen Informationsstrategie geht aber darüber hinaus:
Ihre Vordenker hoffen ernsthaft, in der gezielten Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen,
Journalisten, Medienkonzernen und staatlichen Informationsstellen ein
gewaltfreies Äquivalent für militärische Macht gefunden zu haben. Die
weltweite Bereitstellung offener Kommunikationskanäle, so ihre These,
führt automatisch zu offeneren Gesellschaften und freien Märkten. überspitzt
formuliert lautet ihre Lehre aus dem Vietnamkrieg: Den American Way of
Life verbreitet man besser mit MTV und dem Internet als mit Bomben und
Besatzungstruppen.32
Am Ende, so lässt sich auch diese
"zivile" Variante der Informationsstrategie zusammenfassen,
geht es also wieder um die weltweite Hegemonie eines spezifischen - liberal-kapitalistischen
- Gesellschaftsmodells. Ob die Politik sich für Bomben oder Bytes als
Mittel der Wahl entscheidet, wird dabei von den je spezifischen Umständen
abhängen - von der Art des Gegners, der Stimmung in der Bevölkerung oder
den militärisch-strategischen Interessen. Die Öffentlichkeit ist dabei
nur Mittel zum Zweck, und sie wird zunehmend als Raum des Kampfes, nicht
der Verständigung angesehen. Die US-Strategen befinden sich dabei übrigens
in interessanter Gesellschaft: Ähnliche überlegungen werden seit einigen
Jahren auch von postmodern geschulten Linken angestellt, die neue Formen
öffentlicher Aktionen als "Kommunikationsguerrilla" bezeichnen.33
Ralf Bendrath, Dipl. Pol., promoviert
zum Thema "Das Militär in der Informationsgesellschaft" an der
Freien Universität Berlin. Er betreibt die Mailingliste Infowar.de und
ist Gründungsmitglied der Forschungsgruppe Informationsgesellschaft und
Sicherheitspolitik (FoG:IS). Weitere
Informationen.
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last modified: 14.12.1999
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