Geheimdienstarbeit
in Zeiten privater Datenquellen
Als
im Golfkrieg 1991 die ersten westlichen Bomben auf die irakischen Streitkräfte
fielen, konnten die Irakis die gegnerischen Stellungen noch tagelang aus
dem Weltraum beobachten. Das Regime, das selber über keine Satelliten
verfügt, erhielt die Bilder aus einem Land, dessen Truppen zur gleichen
Zeit Bomben auf Bagdad abwarfen - aus Frankreich. Sie kamen von dem 1990
gestarteten kommerziellen Fotosatelliten SPOT-2, wurden regulär bezahlt
und erlaubten eine Auflösung von immerhin 10 Metern - genug, um kleinere
Truppenverbände zu entdecken.[1]
Erst nach Hinweisen der USA schalteten die französischen Satellitenbetreiber
die Verbindung ab.
SPOT-2
war ursprünglich wie sein Vorgänger SPOT-1 am Himmel plaziert worden,
um geologische, landwirtschaftliche, umwelttechnische und andere zivile
Untersuchungen zu erleichtern. Er wird jedoch ebenso von Streitkräften,
Geheimdiensten und Militärbündnissen genutzt, die nicht auf eigene Aufklärungssatelliten
zurückgreifen können. Seit einigen Jahren gehört auch die Westeuropäische
Union, der militärische Arm der EU, zu den SPOT-Kunden. Das WEU-Satellitenzentrum
im spanischen Torrejon arbeitet mit Material von SPOT-1 und SPOT-2. Zusätzlich
werden kommerzielle Spionagebilder der russischen Firmen Sovinformsputnik
und Priroda eingekauft, die seit 1992 das von dem ehemaligen Geheimdienstsatelliten
KVR-1000 gesammelte Material in einer Auflösung von 2 Metern anbieten.[2]
Dieses
neue Angebot an hochaufgelöstem Bildmaterial, das auf dem freien Markt
erhältlich ist, steht stellvertretend für die veränderte Situation der
Geheimdienste in Zeiten des Internet. Sie sind nicht mehr wie ehedem die
einzigen Hüter von Informationen, sondern müssen sich mit privaten Anbietern
von Bildern, Daten und aufbereitetem Wissen auseinandersetzen. Die heute
vorhandene Menge an frei verfügbaren Informationen stellt die Sonderrolle
der staatlichen Informationssammler, ihre personelle Ausstattung und natürlich
ihren Haushalt immer stärker in Frage. Sie geraten unter Rechfertigungsdruck,
sobald die gleichen Daten billiger, schneller oder effektiver aufbereitet
auf dem Markt erhältlich sind.
Seit
Sommer 1998 kann zum Beispiel jedermann im World Wide Web Satellitenbilder
vom größten Teil der Erdoberfläche per Mausklick abrufen. Die Datenbank
Terraserver (www.terraserver.com), die von Microsoft zusammen mit Digital
Equipment, Sovinformsputnik, Kodak, Aerial Images und dem US Geological
Survey entwickelt wurde, enthält etwa ein Terabyte Bilder, die vor allem
von KVR-1000 sowie aus freigegebenen US-Spionageaufnahmen der siebziger
Jahre stammen.[3]
Auch
nichtvisuelle Informationen über politische Entwicklungen, wirtschaftliche
Konkurrenz oder militärische Planungen sind zum großen Teil öffentlich
zugänglich. Beim deutschen Bundesnachrichtendienst werden bereits seit
Jahren ungefähr 80% der Informationen aus offenen Quellen gewonnen, vor
allem durch Auswertung der internationalen Presse. Andere Geheimdienste
arbeiten ähnlich. Im Gegensatz zu früher sind heute aber alle großen Zeitungen
im Internet vertreten und werden durch spezielle Suchmaschinen wie Paperboy
(www.paperboy.de) erschlossen; andere können online durch Datenbankanbieter
wie GENIOS bezogen werden.
Der
herrschenden neoliberalen Logik folgend drängt sich daher die Frage auf,
ob es billiger und effektiver ist, solche Aufgaben aus der Geheimdienstarbeit
auszulagern. In der Tat wird bereits vielerorts an Schritten in diese
Richtung gearbeitet. Nur einige Beispiele: Das International Center for
Security Analysis, die politikberatende Abteilung des King´s College in
London, betreibt seit zwei Jahren ein "Open Source Intelligence Programme",
in dessen Rahmen Geheimdienstmitarbeiter für die Arbeit an Internet-Suchmaschinen
ausgebildet werden.[4]
Die US-Streitkräfte, die derzeit ihre Soldaten digital vernetzen, beziehen
unter dem Label "All Source Analysis" auch offene Quellen systematisch
in ihre Aufklärungs- und Überwachungssysteme ein.[5]
Im sicherheitspolitischen Forschungsinstitut der WEU in Paris wird darüber
nachgedacht, ob eine Privatisierung der Datensammlung dazu beitragen kann,
die sehr zögerliche westeuropäische Geheimdienstzusammenarbeit zu effektivieren.[6]
Führend
in diesem Bereich sind wieder einmal die USA: Bereits seit 1992 arbeitet
die Firma Open Source Solutions (www.oss.com)
an einer Lobbykampagne zur Privatisierung der Geheimdienstarbeit. Ihr
größter Erfolg bisher war eine Konferenz in Washington im Mai 1998, bei
der mehr als 500 internationale Spione und Geheimdienstmitarbeiter über
die Zukunft ihrer Arbeit in Zeiten des Internet diskutierten. Die Teilnehmer
aus 23 Ländern, darunter die USA, Saudi-Arabien, Japan, Großbritannien
und Südafrika, waren sich weitgehend einig darüber, daß offene Quellen
weit stärker genutzt werden sollten als bisher.Anstelle einer grundsätzlichen Debatte über die politischen Folgen
solcher Reformen unterhielt man sich auf der Konferenz bereits über Preise
und Abrechnungsmodalitäten in der privatisierten Geheimdienstarbeit.[7]
Dieser
Trend, der offensichtlich zunimmt, wirft allerdings viele Fragen auf.
Wenn Daten über militärische und andere Entwicklungen von kommerziellen
Anbietern eingekauft werden, dann können dies auch potentielle Gegner
tun. Dies müssen nicht einmal mehr Staaten wie der Irak sein: Die mittlerweile
aufgelöste südafrikanische Söldnerfirma Executive Outcomes (EO) unterhielt
enge Verbindungen mit der Grupo El Vikingo International, einem dubiosen
Anbieter von Verschlüsselungstechnologien, Kommunikationsanlagen und Satellitenausrüstung.
Mit Hilfe dieser Technik waren die Söldner von EO in mehreren Kriegen
Afrikas in der Lage, zahlenmäßig weit überlegene Gegner zu besiegen.[8]
Der Handel mit militärisch relevanten Informationen wird daher bereits
als neues Problem der Rüstungskontrolle diskutiert.[9]
Eine
weitere naheliegende Frage ist sicherlich, ob die öffentliche Verfügbarkeit
von Aufklärungsdaten auch von sozialen Bewegungen genutzt werden kann.
In der Tatwird die Überprüfung
von Abrüstungsverträgen oder Umweltschäden mit diesen Mitteln einfacher.
John Pike, Weltraumexperte der Federation of American Scientists (www.fas.org), hat dies mehrfach demonstriert.
Er weist auf die neuen Möglichkeiten hin, illegale Waffenfabriken, Flüchtlingslager
oder Massengräber aufzuspüren und so einen fundierteren Umgang mit der
massenmedialen Kriegsberichterstattung zu entwickeln.[10] Das Problem dabei ist jedoch,
daß viele Informationen zwar heute theoretisch für jedermann zugänglich
sind, aber die begrenzten finanziellen Mittel der meisten Nichtregierungsorganisationen
eine systematische Auswertung nicht erlauben. Anstelle der staatlichen
Kontrolle der Informationen können wir daher über kurz oder lang eine
marktgestützte Asymmetrie von wissenden und unwissenden politischen Akteuren
erwarten.
Was
passiert darüber hinaus auf grundsätzlicher Ebene mit dem Herrschaftsanspruch
des Staates, wenn sein Wissen über die politische und gesellschaftliche
Umwelt nicht mehr in seiner Kontrolle ist? Diese Frage kann bisher niemand
beantworten. Man kannsie
allerdings umgehen. Die US-Geheimdienste setzen neben einem begrenzten
Outsourcing vor allem auf eine andere Strategie: Sie bieten ihre Daten
verstärkt anderen Staaten an. Damit verhindern sie deren Rückgriff auf
private Anbieter undkönnen
die angebotenen Informationen bei Bedarf filtern. Der "nukleare Schirm"
soll auf diese Weise durch einen "Informationsschirm" ersetzt werden,
so konnte man bereits 1996 in einem Schlüsseltext der Präsidentenberater
Joseph Nye und William Owens in der Zeitschrift "Foreign Affairs" nachlesen.
Diese Strategie der "sanften Macht" ("Soft Power") soll die amerikanische
Hegemonie auch in Zeiten globaler offener Datenquellen sichern.[11]
Wenn theoretisch jeder auf alles Wissen Zugriff hat, dann ist es eben
nicht mehr wichtig, was man wissen kann, sondern wer bestimmte
Sachen wissen will. Die kommerziellen US-Satellitenbetreiber sind daher
verpflichtet, ihre Kunden und die abgerufenen Bilder an die Bundesregierung
zu melden.[12]
Wer sich beim Urlaub in den USA keinen Ärger mit der Einwanderungsbehörde
einhandeln will, sollte daher beim nächsten Blick in den Sternenhimmel
das Lächeln nicht vergessen.
Ralf
Bendrath promoviert an der Freien Universität Berlin über "das Militär
in der Informationsgesellschaft". Er ist Mitglied der Forschungsgruppe
Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik (FoG:IS) und betreibt
die deutschsprachige Mailingliste "Infowar.de". Kontakt: http://userpage.fu-berlin.de/~bendrath
[1]Vipin Gupta: New Satellite Images for Sale, in: International
Security, Nr. 1, Sommer 1995, S. 94-125.
[5]John F. Stewart: Intelligence Strategy for the 21st Century,
in: Military Review, Nr. 5, Sepember-Oktober 1995, S. 78.
[6]Andrew Rathmell: The Privatisation of Intelligence: A Way Forward
for European Intelligence Cooperation, Papier für eine Konfernez des
WEU Institute for Security Studies, Paris, 13.-14.3.1997
[7]International Spies And Analysts Define New Model For Intelligence:
Global Intelligence Forum Brings Together Twenty-Three Countries Including
Saudi-Arabia, Japan, Israel, PRNewswire, 23.5.1998
[8]William Reno: New South African Business in Africa´s weak States,
Papier präsentiert auf der 38. Annual Convention der International
Studies Association, Toronto, März 1997; Bartholomäus Grill/ Caroline
Dumay: Der Söldner-Konzern; in: Die Zeit, 17.1.1997.
[9]Klischewski, Ralf/Ingo Ruhmann: Ansatzpunkte zur Entwicklung
von Methoden für die Analyse und Bewertung militärisch relevanter
Forschung und Entwicklung im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie,
Studie für das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag,
Bonn 1995, S. 51.
[10]
Duncan Campbell: So where do you want to spy today?, in: The Guardian
Online, 18.6.1998, http://go2.guardian.co.uk/technology/898099634-spysat.html
(Fußnote 2)
[11]
Joseph S. Nye, jr./William A. Owens: America´s Information Edge, in:
Foreign Affairs, März/April 1996, S. 20-36.
[12]
Vipin Gupta: New Satellite Images for Sale, in: International Security,
Nr. 1, Sommer 1995, S. 94-125 (Fußnote 1)